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Messen, normieren, standardisieren

Laura Meinhardt
Das neue Ich Die neue Zeit

Lässt sich der Mensch in Zahlen fassen?

»Man gibt mir 81 Jahre hier,
50-Stunden-Wochen, Arbeitstier.
Ich lächle so 13 Minuten pro Tag,
nehm’ jeden zweiten Sommer Urlaub mit,
krieg’ 1,5 Kinder im Schnitt
und 45.000 Brutto im Jahr.
Ist das alles, was zählt?«

Die Sängerin und Rapperin Namika fasst es heute in lyrische Worte: Der moderne Mensch liebt es, sich vermessen zu lassen: Eine App zählt die Schritte, eine andere summiert die Energie, die die Nahrung liefert. Die junge Generation will sich bewusst sein, wie sie lebt. Prototypen des modernen Individuums – und gar nicht so neu …
Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges 1918 beginnt eine Zeit des Umbruchs, aber auch der Visionen – nicht nur politisch, auch gesellschaftlich. Die Menschen in Deutschland fragen sich: Was ist? Was können, was wollen und was sollen wir? 

Gerade zu dieser Zeit ziehen Mechanisierung und neue Technologien in den Alltag ein. Die Produktionsbedingungen und damit auch die Dinge, die uns umgeben, ändern sich. Es geht mehr um Effizienz und das bedingt mehr Normierung – für Produkte und Produktionsabläufe. Und so fragt die Baulehre von Ernst Neufert: Wie ist ein Mensch gebaut und wie muss man für ihn bauen? Der Mensch wird zum »Gegenstand« rationaler Betrachtungen. Diese wiederum führen letztlich zu einem Standard – einem, der auch Unheil mit sich bringt: … die Wangenknochen, die Nase …
Wie kann aber der Mensch »Standard« sein? Der Nationalsozialismus zu damaliger Zeit hatte eine allzu simple Antwort: die Exklusion anderer – Menschen anderer Meinung, Menschen anderer politischer Gesinnung, Menschen anderen Glaubens, Menschen anderer Bedürfnisse. Dem Gedanken der industrialisierten Serie aber blieb man treu: Die nationalsozialistische Ideologie führte – ideologisch bedingt – in den industrialisierten Genozid.
Dennoch … Was ist mit der Grundidee, der Vermessung des Menschen? Sie steht nach vor im engen Zusammenhang zu den Technologien, die uns umgeben. 

Selbstoptimierung lautet heute das Zauberwort: Schönheits- und Gesundheitsideale veranlassen Menschen ihre Schritte, die Kalorien oder andere Gesundheitsdaten zu zählen. Technologien und Algorithmen unterstützen dabei und sammeln unsere Daten. Technologien zur Gesichtserkennung zum Beispiel vermessen individuelle Parameter unserer Gesichter, mit denen wir unser Smartphone entsperren können. 

Andere Algorithmen vermessen und scannen den Menschen: Wir entsperren Handys damit und können in unseren Fotos direkt nach Kontakten suchen. Über die Menschen werden nach und nach individuelle Datenprofile angelegt. Wir leben in einer Zeit der Digitalisierung und Datensammlung. Ob die Bauhäusler es sich so vorgestellt hatten?

Normierung

»Die Urelemente des Raums sind: Zahl und Bewegung. Durch die Zahl allein unterscheidet der Mensch die Dinge, begreift und ordnet mit ihr die stoffliche Welt.«

Walter Gropius, 1. Direktor des Bauhauses